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Chef redet, Wind weht

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Seit Beginn der Asylkrise haben alle DAX-Unternehmen zusammen gerade einmal 54 Flüchtlinge fest eingestellt. Dabei hat gerade „die Wirtschaft“ das Maul aufgerissen. Ein Beitrag von Johannes K. Poensgen.

„Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes und überall in unserem Land“, so original Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, letztes Jahr über die „Flüchtlinge“. Zwar sei die Aufnahme eine große Herausforderung, dennoch bildeten sie die Grundlage für ein neues Wirtschaftswunder. Bis zum heutigen Tag hat der Daimler Konzern keinen einzigen Flüchtling fest eingestellt. Zetsche ist mit dieser Diskrepanz zwischen Rhetorik und Wirklichkeit kein Einzel- sondern nur ein Extremfall. Die Vorzüge, ja die unabdingbare Notwendigkeit der Einwanderung zu preisen, gehört unter Wirtschaftsführern zum guten Ton.

Im Vergleich mit dem Bevölkerungsdurchschnitt ist dabei nicht einmal eine besondere Unmoral festzustellen. Humanität auf Kosten der Allgemeinheit ist seit Jahrzehnten das deutsche Nationallaster noch vor thailändischen Nutten und Fußball. Es ist nicht eine abnorme Bösartigkeit der Chefetage deutscher Unternehmen, die hier beunruhigt, sondern der erschreckend normale Unfug. Erschreckend, weil sich die Führungsränge der Wirtschaft durch zweierlei Eigenschaften auszeichnen, die sie von handelsüblichen Bahnhofsklatschern und anderen Willkommensbesoffenen des letzten Herbstes unterscheiden: Erstens sind sie nicht irgendwer. Ihr Wort hat Gewicht, gerade wenn sich die Männer der Praxis zu wirtschaftlichen Fragen äußern. In diesem besonderen Fall waren Äußerungen wie die Zetsches sogar besonders wichtig in einer Kampagne, die die Gegner der Masseneinwanderung nicht zur als böse, sondern auch als inkompetent und dumm verleumden wollte.

Zweitens handelt es sich hier um Leute, die es besser wissen, oder zumindest besser wissen sollten. Damit meine ich ausschließlich die wirtschaftliche Seite des Problems. Ich erwarte von Vorstandsmitgliedern großer Unternehmen keine überdurchschnittliche Einsicht in soziale Prozesse, oder gar einen besonderen Patriotismus oder irgendwelche moralischen Qualitäten, noch nicht einmal ein besonderes Maß an Vernunft, auch wenn wir letzteres von Entscheidungsträgern eigentlich verlangen können. Wie kommt es also, dass wir uns aus den höchsten Ebenen der deutschen Wirtschaft solchen Unsinn anhören müssen?

Schwimmen im Mainstream

Dass es aus dieser Richtung so gut wie gar keine Stimmen gegen die Masseneinwanderung gibt, ist dem Druck der veröffentlichten Meinung geschuldet. Eine Eigentümlichkeit der politischen Korrektheit besteht darin, dass sich durch sie einige politische Freiheiten, vor allem die Redefreiheit, proportional zur sozialen Position des Trägers verringern. Kurz, wer viel zu verlieren hat, muss die Klappe halten oder sogar auf Aufforderung die geforderten Phrasen abspulen. Das gilt keineswegs nur für Politiker und Medienschaffende.

2014 musste Brendan Eich, der frisch ins Amt gekommene CEO der Mozilla Corporation, zurücktreten, weil er im Jahr 2008 eine Spende von 1000$ an eine Bürgerbewegung gegen die Homosexuellenehe überwiesen hatte. Eich unterstützte seit den 90er Jahren paläokonservative Bewegungen und Politiker, zum Skandal wurde dies erst gemacht, als er eine ausreichend exponierte Stellung innehatte, um für das einschlägige Gelichter zur attraktiven Trophäe zu werden. In den Strukturen eines Großunternehmens findet so jemand dann auch kaum Rückhalt, sobald er zur Belastung für das Markenimage geworden ist.

Rosinenpicken

Ein weitverbreitetes Motiv aus Unternehmenskreisen, Einwanderung prinzipiell für gut zu befinden, hat mit Rosinenpickerei zu tun. In der Tat besteht in bestimmten Bereichen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Die Überlegung, diese Lücke durch Import zu schließen, ist betriebswirtschaftlich naheliegend. Also befürwortet man offene Grenzen, schließlich sollen der freien Bewegung von Arbeitskräften keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mit volkswirtschaftlichen Überlegungen verbrämt, bringt man die Sache unters Publikum.

Konzernchefs und Unternehmenssprecher, die uns vorrechnen, wieso unser Arbeitsmarkt aufgrund der demographischen Entwicklung jedes Jahr so und so viele hunderttausend Einwanderer benötigt, gibt es im Dutzend billiger. Doch ich habe noch von keinem einzigen gehört, der sich dazu verpflichtet hätte, eine bestimmte Zahl von Ausländern in seinem Unternehmen einzustellen. Selbstverständlich nimmt man nur die Handvoll, die man tatsächlich brauchen kann, den indischen Programmierer und den koreanischen Ingenieur, vielleicht auch die türkische Putzfrau. Für dieses Humankapital sind die Grenzen zu öffnen. Um die Überschüssigen, die durch diese Grenzen sonst noch durchkommen, hat sich in bester liberaler Tradition der Staat zu kümmern.

Lasst sie reden

Zuletzt dürfte allerdings vor allem eines ausschlaggebend sein: Die ausgeprägte Bereitschaft von Leuten, die es eigentlich besser wissen, das wiederzukäuen, was sozial von ihnen erwartet wird, und – das ist das Wichtigste – auch noch daran zu glauben. Eine gewisse Internationalität durch die Zugehörigkeit zum Jetset mag mit hineinspielen. In den meisten Fällen, wenn ein Manager oder Verbandschef sich über den ungeheuren Nutzen der Einwanderung für unsere Wirtschaft auslässt, obwohl jede ökonomische Gesamtanalyse dagegen spricht, muss man traurigerweise annehmen, dass er den Unsinn wirklich glaubt und hinterher über die Wirklichkeit genauso erstaunt ist, wie alle anderen auch. Lasst sie reden.

(Bild: Dieter Zetsche, von: Rudolf SimonCC BY-SA 3.0)

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  1. Alles sicherlich richtig, nur besteht beim sogenannten „Fachkräftemangel“ kein Mangel an MINT-Absolventen, sondern höchstens in den Pflegeberufen. Daher sollte der Inder lieber in seiner Heimat bleiben, weil er nur einem fähigeren Deutschen den Platz streitig macht. In den USA gibt es auch den Unfug, daß man über H1B Inder importiert, obwohl es genügend STEM-Absolventen in den USA gibt, die arbeitslos sind: sie arbeiten nur nicht für einen Hungerlohn.

    Siehe z. B. diesen Fall, der vor einiger Zeit die Runde machte:
    http://www.nytimes.com/2015/06/04/us/last-task-after-layoff-at-disney-train-foreign-replacements.html?_r=0

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  2. Kommentar am Rande:

    Falls Sie in der Nähe eine mittleren bis großen Firma leben, die viel Software macht (wie Bosch in Baden-Württemberg -> mit Automobil-Software in Auto-Steuergeräten), dann werden sie zahlreiche Inder rumlaufen sehen.
    Der Grund: Bosch und anderer Software-Firmen lagern viel aus nach Indien, weil dort eine vielzahl an gut-ausgebildeten Software-Entwicklern leben.
    Wie ich selber dazu stehe, bin ich noch nicht ganz sicher…

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