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Vorbild Kanada?

Egoismus lautet stets der Vorwurf, wenn irgend jemand in Deutschland Einwanderungskritik äußert. „Ihr denkt doch nur an euch, wollt allein unter Euresgleichen bleiben, seid nicht großzügig und habt Angst vor den Fremden, die ihr gar nicht kennt.“ Dann folgt die Belehrung, daß unser Land Einwanderung brauche, um dem demographischen Niedergang entgegenzuwirken und die Sozialsysteme aufrechtzuerhalten.

Absurderweise rufen also die Einwanderungsbefürworter jetzt auf einmal: „Wir müssen Ausländer anwerben, damit eure Rente sicher ist.“ Bleiben sie damit nicht dem egoistischen Denken, das sie doch eigentlich mit ihrem Multikulturalismus bekämpfen wollen, verhaftet? Oder noch deutlicher auf den Punkt gebracht: Ist es nicht menschenverachtend, Ausländer als weltweit frei verfügbares „Humankapital“ zu betrachten, das uns einen Mehrwert bescheren soll?

Die derzeit geführte Debatte um ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild zeigt, wie weitverbreitet dieses Denken ist. Sowohl Vertreter der etablierten Parteien als auch einwanderungskritische Parteien wie die AfD und Protestbündnisse wie die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) betonen immer wieder, daß sie sich Gesetze wie in Kanada wünschen.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Die Grundidee hinter dem kanadischen System erscheint auf den ersten Blick sehr sinnvoll. Es gehört natürlich zu den legitimen Eigeninteressen eines Landes, Einwanderer nach Brauchbarkeit und Nützlichkeit im Hinblick auf berufliche Qualifikationen und Sprachkenntnisse zu bewerten und sie danach auszuwählen.

Nur verursacht eben diese Strategie weitreichende Probleme, die letztendlich dazu führen, daß (fast) alle – die Einwanderer, die Aufnahme- genauso wie die Herkunftsländer – zu den Verlierern zählen. Einen Mehrwert generiert nur die Wirtschaft, die sich über neue, in der Regel junge und billige Arbeitskräfte freuen kann.

Aber der Reihe nach: Ob Deutschland ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild braucht, ist zunächst aus zwei Gründen eine recht unsinnige Frage:

  1. … weil Kanada ein dünnbesiedeltes Land ist, während Deutschland ein paar Einwohner weniger vertragen könnte.
  2. … weil Deutschland durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit und Niederlassungsfreiheit in der Europäischen Union „kulturnahe“ Einwanderer bzw. Ausländer, die ein paar Jahre hier leben, ohne Weiteres gewinnen kann.

Konzentrieren wir uns aber trotzdem auf die Grundidee des „kanadischen Vorbilds“. Wozu führt es, wenn wir in einer großen Zahl Ausländer in unser Land lassen, bei denen wir uns auf den ersten Blick aufgrund einer Bewertung ihrer Nützlichkeit sicher sind, daß sie uns weiterhelfen können? Die Arbeitsmarktdaten Kanadas und auch das Zahlenmaterial, das zu diesen Fragen bereits in Deutschland verfügbar ist, sprechen eine eindeutige Sprache:

  • Der Aufnahmestaat muß obendrauf zahlen.
  • Die Einwanderer werden viel zu häufig zu billigen Arbeitskräften oder üben sogar nur einfache Tätigkeiten aus, die nichts mit ihrer eigentlich hohen Qualifikation zu tun haben.
  • Den Herkunftsländern werden die klügsten Köpfe abgeworben. Das macht sich nicht nur ökonomisch bemerkbar. Es ist auch politisch fatal, weil die Abwanderer in instabilen Ländern oder solchen mit korrupten Regierungen häufig die einzigen sind, die für einen Umbruch sorgen könnten.

Um ein realistisches Bild zu erhalten, muß man sogar noch einen Schritt weiterdenken: Wenn wir die Instabilität in den ärmeren Ländern durch unsere Einwanderungspolitik zementieren, kostet uns das am Ende doppelt und dreifach, weil wir mehr Geld für Verteidigung, Sicherheit, Entwicklungshilfe und Flüchtlingsaufnahme bezahlen müssen.

Die Kosten dafür sind schwer zu beziffern, aber es reicht schon ein Blick in die Einwanderungsländer, um am ökonomischen Nutzen des „kanadischen Vorbilds“ zu zweifeln:

  • 52 Prozent der Einwanderer in Kanada verfügen über einen Hochschulabschluß. Aber 12 Prozent der in den letzten fünf Jahren gekommenen sind arbeitslos (Einheimische: 4,6 Prozent). In Deutschland haben wir bereits jetzt mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Im Ausländerbericht 2014 der Bundesregierung heißt es, daß der Bildungsstand der Einwanderer „kaum Auswirkung auf die Armutsgefährdungsquote“ hat. Selbst bei den Migranten mit Abitur ist noch jeder Fünfte armutsgefährdet. Zum Vergleich: Bei den Deutschen mit Hauptschulabschluß liegt die Armutsgefährdungsquote bei 14,9 Prozent.
  • Die FAZ faßt das Dilemma des kanadischen Systems treffend so zusammen: „überqualifizierte Jobber, wohin das Auge blickt. Der indische Ingenieur, der sich als Taxifahrer oder Fladenbrotbäcker durchschlägt, obwohl er nach seiner Papierform geradezu perfekt den Fachkräftemangel hätte ausgleichen können, gehört zu den klassischen Narrativen der kanadischen Immigration.“
  • Einwanderer kosten Kanada jedes Jahr im Schnitt 20 Milliarden Dollar mehr, als durch Steuern eingenommen werden. Folgt man den Berechnungen von Hans-Werner Sinn (ifo Institut) verursachen Ausländer in Deutschland im Durchschnitt jährliche Mehrkosten in Höhe von 1.800 Euro. Bei statistisch erfaßten 6,6 Millionen Ausländern ergibt das also einen Gesamtbetrag von fast 12 Milliarden Euro.
  • Nur am Rande sei hier zudem erwähnt, daß der häufig behauptete ökonomische Nutzen einer klugen Einwanderungspolitik sofort in Schaden umschlägt, sobald eine Wachstumsperiode vorbei ist und eine Volkswirtschaft stagniert oder sogar in die Rezession abrutscht. Die Frage, was dann eigentlich mit den angeworbenen Arbeitskräften geschehen soll, wird viel zu wenig diskutiert.

Der Fokus in meinem Büchlein Die Ausländer. Warum es immer mehr werden liegt jedoch nicht auf diesen Zahlen und der Situation am Arbeitsmarkt. Die Frage, ob wir Einwanderung brauchen, ist nämlich falsch gestellt. Migrationsbewegungen wird es immer geben und solange sich die Migranten aus eigener Kraft woanders durchsetzen, stellt dies auch überhaupt kein Problem dar.

Probleme entstehen, wenn die emotionalen Themen der Migrationspolitik dazu mißbraucht werden, um von anderen Versäumnissen – etwa in der Familien- und Sozialpolitik – abzulenken. In meinem Büchlein habe ich mich für die Frage interessiert, welches Unheil wir mit unserer Einwanderungspolitik in der Welt anrichten und wie wir dies langfristig zu spüren bekommen werden. Soviel vorweg: Wenn wir durch politische Fehlanreize zu viele Ausländer dazu einladen, zu uns zu kommen, züchten wir sowohl in unserem eigenen Land als auch auf globaler Ebene Konflikte, bei denen niemand weiß, ob sie in Zukunft noch beherrschbar sind.

cover_blogWeltweit gibt es derzeit so viele Migranten wie nie zuvor. Woher kommen sie? Wohin wollen sie? Und welche Ursachen hat die Masseneinwanderung? Felix Menzel erklärt, welchen Einfluß die Vernetzung, die Überbevölkerung und die Utopie globaler Gerechtigkeit auf die internationalen Migrationsströme haben. Menzel bleibt jedoch nicht bei der Analyse stehen: Er macht konkrete Vorschläge, wie Deutschland und Europa Einwanderung sinnvoll begrenzen könnten. Ihm geht es dabei nicht um das Herumdoktern an Symptomen. Er plädiert dafür, daß wir durch eine Neuausrichtung unserer Außenpolitik die Ursachen der Masseneinwanderung an der Wurzel packen sollten, denn jede Krise und jeder Bürgerkrieg in der Welt führen unmittelbar zu einem Flüchtlingsansturm auf Europa. Hier bestellen: Felix Menzel: Die Ausländer. Warum es immer mehr werden. 100 Seiten. 8,50 Euro. Chemnitz 2015.

Weiterführende Literatur:

  • Ricardo Duchesne: Die Vergötzung des Fremden. Multikulturalismus am Beispiel Kanadas. In: JF 27/2014. PDF hier.
  • Fraser Institute: Canada’s Immigrant Selection Policies: Recent Record, Marginal Changes and Needed Reforms. August 2013. PDF hier.

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Autor: Felix Menzel

Geboren 1985 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz). Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL in Halle. Lebt in Dresden.

2 Kommentare

  1. Hallo Felix,

    endlich wird einmal auf die menscherverachtende Ideologie der „Humanitätsduseler“ in unserem Land hingewiesen, die Menschen zur ökonomischen Verschiebe- und Auffüllmasse degradiert! Ich habe vor ein paar Wochen bei einer PEGIDA-Demonstration in Dresden einem Reporter der Deutschen Welle genau diese Einschätzung mitgeteilt – er war sichtlich irritiert und verlegen, eine solche „unübliche“ Argumentation zu hören.

  2. Pingback: Zweiter Teil des Blaue Narzisse Interviews mit Duchesne | feuilletonkritik

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